Bild: ⇱, Simon Delahaye for the Wikimedia Foundation | CC BY-SA 4.0Von 21. bis 25. Juli fand in Paris die 21. Wikimania unter dem Motto Liberté, Équité, Fiabilité, also Freiheit, Gleichheit, Zuverlässigkeit statt. Fotos wurden hochgeladen, Diskussionen wurden geführt, Erfahrungsberichte geschrieben, Bilanzen gezogen. Zeit für eine Rückschau zwischen Sorge und Hoffnung.
First political things first
Die Konferenz war politisch. Nicht unbedingt etwas Ungewöhnliches, das Ungewöhnliche war wohl eher die Intensität, mit der politische Differenzen zwischen Community und Wikimedia Foundation ans Tageslicht traten. Die Foundation machte sich in den vorausgehenden Wochen vor allem durch ihren Umgang mit Bestrebungen der amerikanischen Belegschaft, einen Betriebsrat zu gründen, unbeliebt. Während WMF-Geschäftsführerin Bernadette Sheehan in einem Q&A auf der Konferenz selbst noch ihr Wohlwollen den Bestrebungen gegenüber beteuert hatte, überraschte die Foundation in den Tagen danach mit dem Heuern der Union-Busting-Firma Littler Mendelson. Diese und andere Entscheidungen vor und nach der Wikimania führten zu einer Solidaritätskampagne mit Wiki Workers United, dem Zusammenschluss der amerikanischen Chapter-Angestellten, auf die wir hinweisen wollen.
Bild: ⇱, PierreSelim | CC BY-SA 4.0Beim Fireside Chat mit der Foundation ging es heiß her
Eine weitere wesentliche Frage waren die geplanten neuen Funding-Guidelines der Foundation, deren jetzige Form die Befürchtung auslöste, dass vor allem kleine Communitys und aufstrebende Chapter mit wenigen Ressourcen an den neuen formellen Hürden scheitern könnten. Durch die Intervention vor Ort konnte die Deadline verschoben und die Versicherung, inhaltliche Verbesserungen vorzunehmen, erwirkt werden.
In beiden Fällen wurde klar, dass diese Prozesse von der WMF nicht einseitig durchgesetzt werden können, ohne dass sich in der Community und bei Chaptern Widerstand dagegen formiert – ein Phänomen, das deutlich macht, dass die Community in derart wichtige Entscheidungen eingebunden werden und mitbestimmen möchte. Das kann durchaus hoffnungsvoll beurteilt werden, denn eine kämpferische Community ist eine lebendige Community. Wir verfolgen die Entwicklungen jedenfalls genau und werden euch bei Gelegenheit auf den neuesten Stand bringen.
Da war doch noch mehr?
Die Wikimania 2026 beschäftigte sich inhaltlich natürlich noch mit einigen anderen Dingen. Positiv heraus stachen vor allem die wertschätzenden und qualitativ hochwertigen Beiträge der dortigen UNESCO-Funktionär*innen, die auch im Bereich Klimawandel involviert waren. Es bestand großes Interesse an der bestehenden Kooperation zwischen Wikimedia Österreich und der österreichischen UNESCO und wir wurden zu einigen Ideen für zukünftige Zusammenarbeit inspiriert.
Schon während der Vorkonferenz wurden relevante Themen behandelt, darunter das existenzielle Thema Klimawandel, das auch im regulären Programm sehr präsent war. Das war in Paris nur treffend, da das politische Versagen in diesem Bereich dort Menschenleben kostet. Aufgrund unserer Tätigkeiten in diesem Bereich waren Verantwortliche vor Ort eingeladen. Im Rahmen der Veranstaltung wurde eine internationale Gruppe zur integren Klimakommunikation auf Wiki-Projekten gegründet.
Das Dauerbrenner-Thema KI war, wenig überraschend, ein Dauerbrenner, leider schien es keinen wirklichen roten Faden zwischen den (zu?) vielen Veranstaltungen zum Thema zu geben. Die Gratwanderung zwischen Gefahr und Möglichkeit wird sowohl von Seiten der Foundation, als auch der Community der einzelnen Sprachversionen weiterhin für Gesprächsstoff sorgen.
Bild: ⇱, Zafer | CC BY-SA 4.0Was diese KI wohl alles anrichten ermöglichen wird?
Neben den technischen Fragen war aber auch Platz für Vorträge zu philosophischen und zukunftsgerichteten Überlegungen. Wie wird das Wikiversum verstanden – als eine Sammlung freier Wissensprojekte oder als qualitativ hochwertige digitale Infrastruktur? Wie erhöhen wir den Stellenwert für diesen Beweis einer funktionierenden, gemeinschaftlich organisierten und dem Gemeinwohl dienenden Infrastruktur? Und wie wird Wikimedia in die digitale Wissensgesellschaft integriert? Wie erreicht man die neue Generation von Autor*innen, Fotograf*innen, Programmierer*innen und was benötigt sie, um sich in den Wikimedia-Projekten zurechtzufinden und wohl zu fühlen? Die Antworten müssen wir, wie so oft, selbst finden, doch im Austausch kommt man ihnen gemeinsam näher.
Bild: ⇱, Simon Delahaye for the Wikimedia Foundation | CC BY-SA 4.0Und der Vibe?
Bild: ⇱, Piyanist | CC BY-SA 4.0Nicht vergessen: Das war der kühlste Sommer des Rests eures Lebens!
Es ist nichts Neues, dass nach Konferenzen festgestellt wird, dass die Dinge, die außerhalb des regulären Programms stattfanden – bei der gemeinsamen Reise, am Gang, beim Essen usw. – mindestens genauso wertvoll waren wie die inhaltlichen Beiträge. Die diesjährige Wikimania war keine Ausnahme.
Besonders spannend war die von Teilnehmenden ausgerichtete “Gegenveranstaltung” – sie kamen in Frieden – Wiki Fringe, die sich der größtenteils spontanen Selbstorganisation verschrieben hatte und sich großer Beliebtheit erfreuen konnte.
Zusätzlich gab es natürlich ein Rahmenprogramm, in dem Paris erkundet werden konnte, einen ausgiebigen Hack-a-thon, Team Challenges rund um alles Wikipedia-Wesentliche und die uneingeschränkte Möglichkeit, mit Menschen aus aller Welt Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu finden. Einige dieser Gemeinsamkeiten waren das junge Alter, Gender und LGBTIQ oder kleine Sprachversionen.
Fürs wahre Erlebnis muss man zwar dabei gewesen sein, aber es gibt noch weitere Berichte über die Wikimania, mit denen man vielleicht den transzendentalen Geist der Konferenz anzapfen kann, wenn auch nur für einen Moment:
- Die Wikimania zu Gast in Paris (WMDE Blog)
- Paris Syndrome (The Wikimedian Blog)
Und was natürlich immer geht: die Kategorien auf Wikimedia Commons durchforsten!