Präsidentin von Wikimedia Europe
Seit über zehn Jahren arbeiten Wikimedia-Communities und -Vereine in Europa gemeinsam daran, die gesetzlichen Rahmenbedingungen für Freies Wissen in Europa zu verbessern – Advocacy auf europäischer Ebene und die Mitgestaltung der auf nationaler Ebene gehen dabei Hand in Hand. Urheberrechtsreform, AI Act und Digital Services Act (DSA) sind nur einige Beispiele, die uns in den letzten Jahren beschäftigt haben.
Unsere Geschäftsführerin Claudia Garád war von Anfang an dabei und ist eine aktive Unterstützerin des Europäischen Gedankens im Wikiversum. Seit 2022 ist sie in ehrenamtlicher Funktion Präsidentin von Wikimedia Europe – einer europäischen Schirmorganisation in Brüssel, die von über 30 europäischen Wikimedia-Vereinen gestaltet und verwaltet wird und als starke Stimme für gemeinwohlorientierte Netzpolitik auf europäischer Ebene wirkt.
Bild: ⇱, Manfred Werner | CC BY-SA 4.0Claudia, was macht eigentlich Wikimedia Europe?
Unser Anspruch ist es, eine Art Netzwerkknoten im internationalen Wikiversum zu sein, der wirkungsvollen Austausch und Kooperation zwischen den Wikimedia-Organisationen erleichtert. Dezentrale Kooperation ist eine große Stärke unserer ehrenamtlichen Communities und in Europa zeigen wir, dass Wikimedia-Organisationen diese Art zu arbeiten ebenfalls in ihrer DNA tragen. Gerade in unseren politisch und gesellschaftlich schwierigen Zeiten, in denen zivilgesellschaftliches Engagement allerorts zunehmend eingeschränkt wird, können wir nur als Kollektiv bestehen und echte Wirkmacht entfalten.
Wikimedia Europe ist also eine gemeinsame Plattform für
- die gemeinsame Arbeit an europäischen Gesetzgebungsprozessen, die Einfluss auf die Wikimedia-Projekte haben;
- kollaborative Fundraising-Aktivitäten für gemeinsame Projekte und Initiativen;
- Kompetenzaufbau und -transfer, insbesondere rund um die Themen Advocacy und Fundraising, aber auch darüber hinaus.
Warum ist internationale Digitalpolitik wichtig für Wikimedia Österreich?
Zunächst geht es auf grundlegender Ebene um die digitale Infrastruktur, auf der alles aufbaut: Damit die Wikipedia, andere Wikimedia-Projekte oder unser ÖsterreichWiki überhaupt funktionieren können, brauchen wir ein offenes, freies und global funktionierendes Internet. Ohne Interoperabilität und offene Standards wären diese Projekte nicht möglich. Europäische und internationale Digitalpolitik entscheiden also ganz konkret darüber, ob freies Wissen weiterhin für alle zugänglich bleibt und unter welchen Bedingungen unsere Communities arbeiten können.
Bild: ⇱, Van Anh Dam (WMEU) | CC BY-SA 4.0Hinzu kommt, dass österreichische Gesetzgebung in diesem Bereich in weiten Teilen auf europäischen Regularien beruht und diese werden meist mit Blick auf große, kommerzielle Plattformen und Social Media ausgestaltet. Nicht-kommerzielle, gemeinwohlorientierte Digitalprojekte kommen dabei häufig nicht zu Wort und können nicht im selben Maße Lobbyarbeit betreiben wie milliardenschwere Großkonzerne. Durch Wikimedia Europe haben wir die Möglichkeit, die Aktivitäten und Ressourcen der einzelnen Mitglieder zu bündeln und zu verstärken und können diesem Ungleichgewicht somit etwas entgegensetzen.
Nicht zuletzt geht es auch um transparente Prozesse der politischen Entscheidungsfindung: Digitalpolitik betrifft nicht nur technische oder wirtschaftliche Entwicklungen, sondern ganz direkt das Zusammenleben in unserer Gesellschaft. Denn wir nutzen ja digitale Plattformen zum Konsumieren und Kommunizieren, wir bilden unsere Meinung im Netz, wir arbeiten mit digitalen Werkzeugen etc. Daher setzen wir uns dafür ein, dass Organisationen, die die Zivilgesellschaft vertreten, strukturell in Entscheidungsprozesse in Österreich und Europa eingebunden werden: Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft sollen gemeinsam und transparent an Lösungen arbeiten.
Was ist deine Aufgabe bei Wikimedia Europe?
Die netzpolitische Zusammenarbeit auf europäischer Ebene gibt es im Wikimedia-Netzwerk bereits seit über zehn Jahren, aber Wikimedia Europe als internationale NGO nach belgischem Recht (AISBL) ist noch recht jung. Die offizielle Anerkennung – in Belgien läuft das sogar über den Schreibtisch des Königs – erfolgte im Jänner 2023. Was uns von den meisten anderen Wikimedia-Organisationen unterscheidet, ist, dass unsere Mitglieder keine natürlichen Personen, sondern andere Vereine sind.
Ich war in der Gründungsphase zunächst im Übergangsvorstand als Präsidentin tätig, um die Organisation auf die Ausgründung vorzubereiten und wurde anschließend 2025 in derselben Rolle in den ersten “echten” Vorstand gewählt. Zu meinen Aufgaben gehört die Vertretung des Vereins nach außen – wobei dies im Tagesgeschäft mittlerweile größtenteils an die Geschäftsführerin Anna Mazgal delegiert wurde. Daneben kümmere ich mich um Governance- und Personalagenden sowie das Riskenmanagement im Verein und fungiere als Bindeglied in die globale Wikimedia-Bewegung jenseits Europas. Im vergangenen Jahr haben wir außerdem gemeinsam mit Vorstand, Angestellten und einer Projektgruppe aus Vertreter*innen der Mitgliedsorganisationen unsere erste integrierte Mehrjahresstrategie für unsere drei Tätigkeitsfelder entwickelt.
Was bedeutet Wikimedia Europe dir persönlich?
Jacques Delors, ehemaliger Präsident der Europäischen Kommission und Architekt der europäischen Integration sagte immer: “Never choose between being an optimist or a pessimist. The only choice you can make is to be an activist.”
Das Ehrenamt als Präsidentin von Wikimedia Europa gibt mir die Möglichkeit, für zwei Projekte ”aktiv zu werden”, die für mich persönlich prägend waren und für mich die wunderbarsten Experimente der Menschheitsgeschichte darstellen: Wikipedia und die Europäische Union. Beides Beispiele dafür, dass Menschen zuvor Unvorstellbares erreichen können, wenn sie konsequent Vertrauen und Kooperation in den Mittelpunkt stellen. Das gibt mir Mut, Zuversicht und ein Gefühl der Selbstwirksamkeit auch an schwarzen Tagen, wenn ich das Gefühl habe, dass die Welt zunehmend aus den Fugen gerät.