Wie schaffen wir digitale Gemeingüter, die wirklich allen nutzen? Wie kann Offenheit zum Werkzeug für mehr Gerechtigkeit werden? Und welche Rolle spielen Projekte wie Wikipedia, Wikidata oder Mastodon dabei? Unser neu überarbeitetes Handbuch „ABC der Offenheit“ widmet sich diesen Fragen und zeigt, wie offene Wissenskulturen tatsächlich zu mehr Teilhabe und Gerechtigkeit beitragen können.
Geschrieben wurde das ABC der Offenheit von Expertinnen aus Wissenschaft, öffentlicher Verwaltung und Zivilgesellschaft. Gestaltung und Druck wurden durch die Rückverteilung von Marlene Engelhorns Vermögen im Rahmen des Guten Rats finanziert.
Bild: Manfred Werner (WMAT) | CC0 1.0Launch-Diskussion im MQ.
Anfang September haben wir die Publikation auf der Sommerbühne im Wiener MuseumsQuartier der Öffentlichkeit präsentiert: Vier der Autorinnen des Buches diskutierten live, was digitale Offenheit heute bedeutet, wenn sie kritisch und praktisch gedacht wird. Ein Audio-Mitschnitt des Panels kann im cultural broadcasting archive der Freien Radios nachgehört werden.
Zwei der Autorinnen auf der Bühne waren auch unsere neuen Vorstandsmitglieder, die wir zum Interview gebeten haben.
Die neuen vorständinnen im Interview
Bild: Alena Klinger | All Rights ReservedMelanie Bartos
ist Wissenschaftskommunikatorin an der Universität Innsbruck. Ihre Schwerpunkte liegen in der Entwicklung von multimedialen Formaten wie Podcasts und generell in der Online- bzw. Social-Media-Kommunikation. Inhaltlich beschäftigen sie vor allem Klima- und Transformationsthemen. Engagement für gemeinnützige und
datenschutzfreundliche Ansätze prägt dabei all ihre Arbeitsbereiche. Sie ist Vorstandsvorsitzende von FREIRAD, dem Freien Radio Innsbruck. Den Wikimedia Österreich-Vorstand unterstützt sie als Beirätin.
Magdalena Reiter
arbeitet selbstständig an der Schnittstelle von Digitalität, Technologie, Kunst, Kultur und Bildung. Sie entwickelt Formate, die insbesondere Kinder und Jugendliche, Menschen aus marginalisierten Gruppen sowie Kunst- und Kulturschaffende befähigen, Technologie kritisch zu reflektieren und aktiv mitzugestalten. Bildung versteht sie als zentralen Hebel, um digitale Infrastrukturen nicht nur zu
nutzen, sondern demokratisch mitzuprägen. Bei Wikimedia Österreich wirkt sie im Vorstand als stellvertretende Obfrau mit.
Bild: ⇱, Manfred Werner (WMAT) | CC BY-SA 4.0Das ABC der Offenheit hat euch schon beschäftigt, bevor ihr in den Vorstand von Wikimedia Österreich gewählt wurdet. Welche Verbindung zwischen freiem Wissen und eurer Rolle im Vorstand ist euch besonders wichtig und warum?
Melanie: Ich bin Kommunikatorin und wenn ich auf meine beruflichen und ehrenamtlichen Tätigkeiten schaue, zieht sich ein Gedanke durch fast alles, was ich mache: Möglichst viele Menschen sollen Zugang zu Wissen haben und die Möglichkeit, Öffentlichkeit selbst mitzugestalten. In den vergangenen Jahren beschäftigt mich dabei zunehmend auch die Frage, unter welchen Bedingungen wir überhaupt kommunizieren. Mit meinem Beitrag zu Open Communication wollte ich deutlich machen, dass Offenheit mehr bedeutet, als Informationen frei verfügbar zu machen. Wir brauchen auch unabhängige, gemeinwohlorientierte digitale Räume, in denen Austausch und Teilhabe möglich sind, ohne dass kommerzielle Interessen die Spielregeln bestimmen. Wikimedia ist für mich eines der beeindruckendsten Beispiele dafür, dass solche Modelle funktionieren können. Was mich daran besonders begeistert, ist der gemeinschaftliche Gedanke: Menschen stellen ihr Wissen zur Verfügung und schaffen gemeinsam etwas, das allen zugutekommt. Im Vorstand möchte ich dazu beitragen, diesen Gedanken weiterzutragen und die Menschen zu stärken, die solche Projekte überhaupt möglich machen. Das digitale Ehrenamt wird in seiner gesellschaftlichen Bedeutung meiner Ansicht nach noch immer unterschätzt. Dabei ist es eine wesentliche Grundlage eines offenen Internets. Dieses Engagement sichtbarer zu machen und die Möglichkeiten zur Beteiligung zu verbessern, ist mir deshalb ein besonderes Anliegen.
Magdalena: Freies Wissen, aber auch Freie Software haben mein Verständnis von Digitalisierung stark geprägt. Dabei beschäftigen mich besonders Fragen der Diversität und digitalen Gerechtigkeit: Wer hat Zugang zu Wissen, selbst wenn es frei ist? Wessen Perspektiven werden sichtbar? Wer kann sich an der Gestaltung unserer digitalen Wissensräume beteiligen und wer wird durch bestehende Strukturen ausgeschlossen? Als Mitglied des Vorstands möchte ich dazu beitragen, diese Fragen gemeinsam mit Wikimedia-Communities aus verschiedenen Perspektiven zu bearbeiten.
Was sind eure individuellen Expertisen, die ihr in eure ehrenamtliche Vorstands-Arbeit einbringen wollt?
Melanie: Seit vielen Jahren befasse ich mich damit, wie Wissen möglichst vielen Menschen zugänglich gemacht werden kann. In der Wissenschaftskommunikation erlebe ich dabei auch, wie groß die Distanz zwischen dem Anspruch auf Offenheit und der tatsächlichen Praxis öffentlicher Institutionen manchmal noch ist. Hier möchte ich ansetzen. Ich sehe großes Potenzial darin, Wikimedia-Projekte stärker im Hochschul- und Bildungsbereich zu verankern und die Zusammenarbeit mit der Wissenschaft auszubauen. Dabei geht es nicht darum, Wikipedia als zusätzlichen Kommunikationskanal für Institutionen zu nutzen, sondern darum, Wissen für die Community zugänglich und nachnutzbar zu machen.
Ein zweites Thema, das mich intensiv beschäftigt, ist die Frage, wie wir Kommunikation unabhängiger von kommerziellen Plattformen organisieren können. An der Universität Innsbruck arbeiten wir daran, Open Communication in der institutionellen Praxis zu etablieren. Dabei geht es letztlich auch darum, öffentliche digitale Räume nicht nur zu nutzen, sondern selbst mitzugestalten.
Durch mein langjähriges Engagement bei FREIRAD, dem Freien Radio Innsbruck, bin ich außerdem eng mit der nichtkommerziellen Medienlandschaft verbunden. Ich sehe hier viele gemeinsame Interessen mit Wikimedia und würde diese Verbindungen gerne stärken. Was ich insgesamt einbringen möchte, sind meine Erfahrungen aus der Kommunikationspraxis und der Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Institutionen, aber auch die Überzeugung, dass wir für ein offenes Internet viel stärker über die Grenzen unserer jeweiligen Bereiche hinaus zusammenarbeiten sollten.
Magdalena: Ich arbeite seit vielen Jahren an der Schnittstelle von Digitalisierung, Bildung sowie Kunst und Kultur. Dabei beschäftige ich mich mit digitalen Technologien und ihren gesellschaftlichen Auswirkungen, entwickle Bildungsangebote und begleite Organisationen und Projekte in ihrer strategischen Weiterentwicklung. Diese Erfahrungen möchte ich auch in die Vorstandsarbeit einbringen. Aktuell fließt beispielsweise meine Erfahrung aus der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in die Entwicklung einer Jugendstrategie für Wikimedia Österreich ein. Außerdem möchte ich dazu beitragen, Wikimedia Österreich stärker in der österreichischen Bildungslandschaft zu verankern. Ich sehe großes Potenzial darin, Lehrer*innen mit Materialien und Unterrichtsideen zu unterstützen, die sie in der Digitalen Grundbildung, Demokratiebildung und anderen Unterrichtsfächern einsetzen können. Als stellvertretende Vorsitzende arbeite ich mich gerade in die verschiedenen Aufgaben und Strukturen des Vereins ein. Perspektivisch möchte ich mich auch in die Organisationsentwicklung einbringen und das Team in seiner Arbeit unterstützen.
Wir befinden uns nach wie vor im 25. Jubiläumsjahr der Wikipedia. Welche Rolle nimmt die Wikipedia (oder ihre Schwesterprojekte) in eurem Privatleben ein? Wo würdet ihr die Wikipedia gerne in den nächsten Jahren oder Jahrzehnten sehen?
Melanie: Wikipedia ist für mich aus dem Alltag nicht wegzudenken. Ich nutze sie fast jeden Tag und finde es nach wie vor bemerkenswert, wie selbstverständlich wir inzwischen auf einen derart großen, frei zugänglichen Wissensschatz zurückgreifen können. Dahinter steht eine Idee, die angesichts der Entwicklung des Internets in den vergangenen Jahrzehnten eigentlich immer außergewöhnlicher geworden ist.
Ich halte Wikipedia für eines der wichtigsten Projekte, die das Internet je hervorgebracht hat. Gerade jetzt, wo generative KI zunehmend verändert, wie wir Informationen suchen und konsumieren, wird ihre Bedeutung meiner Ansicht nach noch einmal wachsen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, was mit den offenen Wissensbeständen geschieht, wenn kommerzielle Unternehmen sie in großem Umfang für ihre eigenen Produkte nutzen. Wir dürfen dabei nicht aus den Augen verlieren, dass dieses Wissen nicht einfach vorhanden ist, sondern von Menschen erarbeitet und gepflegt wird.
Ich wünsche mir, dass Wikipedia auch in 25 Jahren ein unabhängiges, lebendiges Gemeinschaftsprojekt ist, an dem möglichst viele unterschiedliche Menschen mitwirken. Und ich hoffe, dass es uns gelingt, die Idee des freien Wissens als gesellschaftlichen Wert noch viel stärker zu verankern. Wir brauchen mehr Orte im Internet, die dem Gemeinwohl verpflichtet sind und nicht in erster Linie den Geschäftsinteressen einiger weniger Unternehmen. Und ganz persönlich hoffe ich, dass es auch in 25 Jahren noch den Button „Zufälliger Artikel“ gibt, denn den hab ich auch sehr gern in meinem Alltag.
Magdalena: Meinen ersten Wikipedia-Account habe ich zu Beginn meines Studiums angelegt, vor über 20 Jahren. Ich finde es schier unglaublich, dass so viele Menschen über zweieinhalb Jahrzehnte gemeinsam ein derart umfangreiches Wissensprojekt geschaffen haben. Natürlich nutze ich Wikipedia auch selbst regelmäßig, vor allem um schnell einen ersten Überblick über neue Themen zu bekommen.
Was ich mir für die Zukunft wünsche? Dass Wikipedia und ihre Schwesterprojekte weiterhin eine zentrale Rolle als unabhängige, gemeinwohlorientierte Wissensinfrastruktur spielen. Gerade angesichts der zunehmenden Verbreitung generativer KI und von Desinformation wird es immer noch wichtiger, dass Wissen nachvollziehbar, überprüfbar und frei zugänglich bleibt. Und ich wünsche mir, dass mehr junge Menschen die Erfahrung machen, dass sie selbst etwas zu unserem gemeinsamen Wissen beitragen und damit auch unsere demokratische Gesellschaft mitgestalten können.